Garibald I.AuthariTassilo I.Garibald II.Theodo I.Tassilo II.

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Matthias
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Herzog Tassilo III.

Vorgänger: Herzog Odilo 748
Nachfolger: Karl der Große

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Geburt und Herkunft

* wahrscheinlich 741

Vater: Herzog Odilo

Mutter: Hiltrud (Langobardische Königstochter).

oo Liutbirga

Kinder:
1. Theodo III. (um 770 - nach 793)

2. Theodbert (um 772 - nach 793)

3. Cotani (kommt 788 ins Kloster Chelles)

4. Hrotrud (wird 788 in Laon Nonne / Soisson)

5. Guntharius (kommt bei einer Jagd in Kremsmünster um).


Antritt der Herrschaft

Tassilo ist 7 Jahre. Seine Mutter Hiltrud (Schwester Pippins) hat die Vormundschaft.

Der Halbbruder Hiltruds bemächtigt sich Grifo seines Neffen und regiert selbst in Bayern, um von hier aus seinen Halbbrüdern die Herrschaft im ganzen Reich streitig zu machen. Er findet in Bayern Unterstützung, flieht aber, als Pippin mit einem Heer anrückt.

Nach dem Tod der Mutter 754 scheint Pippin selbst die Vormundschaft innegehabt zu haben. 756 nahm Tassilo an dessen Feldzug gegen die Langobarden teil, 757 leistete er, jetzt etwa sechzehnjährig, in Compiegne Pippin und dessen beiden Söhnen den vasallischen Lehenseid. Mit seiner Mündigsprechung endete auch die vormundschaftliche Regierung. Tassilo konnte von nun an im Innern seines Herzogtums frei schalten. Die Treueverpflichtung band ihn hinsichtlich der Heeresfolge gegenüber dem Frankenherrscher.

Zum sog. vierten Kriegszug gegen Aquitanien, einem aufständischen westlichen Reichsteil, im Jahr 765 erschien zwar Tassilo noch auf dem Hoftag. Doch kam es hier zum Bruch; er gab Krankheit vor und kehrte mit seinen Truppen heim.

Um sich gegen eine befürchtete Intervention Pippins zu schützen, nahm Tassilo nun Verbindung zum Papst auf und suchte seine Beziehungen zu den südlichen Nachbarn, den Langobarden, durch seine Heirat mit der Königstochter Liutbirc des Langobardenherrschers Desiderius zu stärken.

Territoriumserweiterung

Diese Verbindung brachte gewisse Gebiete in Südtirol an Bayern zurück. Nach dem de-facto-Ausscheiden aus dem Verband des fränkischen Reiches gelang Tassilo noch eine wesentliche Erweiterung seines Herrschaftsbereichs, indem er seine politische, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen geschickt bündelte und im Zusammenwirken mit kirchlich-missionarischen Intentionen verstärkte. Die allgemeinpolitischen Verhältnisse verwiesen ihn nach Süden und Osten.

In der früheren römischen Provinz Binnennoricum (Kärnten) hatten die slowenischen Karantanen Fuß fassen und einen eigenen "Staat" gründen können. Von den hunnisch-mongolischen Awaren bedrängt, wandten sie sich an Bayern um Hilfe. Herzog Tassilo befriedete das Gebiet, warf heidnische Aufständische nieder und regelte das Herrschaftsverhältnis in der Weise, dass eine quasi-lehensrechtliche Abhängigkeit Karataniens von Baiern begründet wurde.

Über die bairischen Beziehungen zu den Awaren ist nur wenig bekannt. Offensichtlich beanspruchten diese das Gebiet Niederösterreichs bis zur Enns.

Herzog Tassilo scheint es gelungen zu sein, mit ihnen ein Bündnis zu schließen, um sich den gegen seine alsbald einsetzenden Schwierigkeiten mit Karl dem Großen offen zu halten. Noch nicht abschließend analysierte archäologische Befunde in Peigen bei Pilsting und Straubing St. Peter mit östlich-awarischen Charakteristiken lassen aber in Niederbayern noch viel frühere und recht intensive Kontakte als offenkundig erscheinen.

Klostergründungen

Hatte schon Herzog Odilo mit der neugegründeten Klosterzell von Chammünster bairischen Siedlern den Weg nach Böhmen geliefert, so führte auch Tassilo dieses Werk von Kolonisation und Christianisierung fort.

Zur Bekehrung der Alpenslawen stiftet er 769 in der damaligen Öde des Pustertals das Kloster Innichen.

Wie dieses Zentrum als Mittelpunkt bairischer Herrschaftsansprüche wie christlicher Siedeltätigkeit wirkte, gewann auch Kremsmünster als zweite große Tassilo-Gründung (777) höchste Bedeutung für das Land zwischen Traun und Enns. Seine wahrhaft fürstliche Ausstattung mit Grundbesitz im Bergland gegen den Almsee zu und in der Ebene sicherte diesem Kloster eine mehr als tausendjährige Einflussnahme auf alle Bereiche menschlichen Lebens in der Region.

9. November 777: Die Weihe des Klosters Kremsmünster (s. Knut Görich, in: Bayern nach Jahr und Tag, S. 27ff)

Schließlich stellte noch vor 770 die Tassilo zugeschriebene Stiftung des Kloster Mattsee eine Verbindung des Salzburger Raums mit dem älteren Stift Mondsee her, gegründet 748 von Tassilos Vater, Herzog Odilo.

Kampf mit Karl dem Großen

Der Sohn Pippins, Karl, dem die Geschichtsschreibung den Beinamen "der Große" verliehen hat, ging nach seinem Herrschaftsantritt alsbald daran, den Süden des Reiches wieder vollständig unter Kontrolle zu bringen.

In den Kämpfen von 773/74 brach das Königtum der Langobarden zusammen. Von Bayern und Tassilo ist dabei nichts zu vernehmen, obwohl dessen Schwiegervater eigentlich der gewichtigste Garant seiner eigenen franken-unabhängigen Herrschermacht hätte sein müssen. Es gibt über die Vorgänge jedoch keine nähere Kenntnis.

Um 770 war es noch zu einer deutlichen Annäherung zwischen Tassilo und Karl gekommen. Erst das Jahr 772, der Höhepunkt der Macht Tassilos, stellt einen Wendepunkt dar: Karl hatte sich gegen Karlmann endgültig durchgesetzt, während Tassilo seinen militärischen Erfolg gegen die Alpenslawen genoss. Noch 777 bei der Gründung von Kremsmünster schien Tassilo Karl ebenbürtig. Danach aber verlor Tassilo zahlreiche Stützen, etwa den für die Erschließung des südostbayerischen Raumes wichtigen Grafen Machelm (779), Abt Sturmi von Fulda (781), Bertrada, Hildegard, die Gattin Karls, und Bischof Arbeo von Freising (783) und schließlich Bischof Virgil von Salzburg (784). Immer mehr stellten sich auch die Päpste auf die Seite Karls. (s. Stephan Freund: Von Tassilo zu Karl dem Großen – Die Salzburger (Erz)Bischöfe und die Reichspolitik, in: Tassilo III.)

Anlässlich eines Besuchs in Rom im Jahr 781 gewann Karl der Große den Papst zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen Bayern und beraubte so Tassilo seines letzten außerbayerischen Rückhalts. Bei Zusicherung freien Geleits stellte sich Tassilo daraufhin noch 781 beim Hoftag in Worms ein, erneuerte den Lehenseid und übergab zwölf Geiseln.

Das kaum zustande gebrachte Einvernehmen scheiterte am Misstrauen Tassilos gegenüber den zweifellos ebenso wirksamen Machtansprüchen Karls. Einer erneuten Vorladung nach Worms kam Tassilo nicht nach; somit unternahm 787 der Frankenherrscher einen Feldzug nach Bayern. Doch ehe es überhaupt zur Schlacht kam, musste Tassilo aufgeben, da ihm der Adel die Gefolgschaft verweigerte. Erneute Anerkennung der Lehenshoheit, Stellung von zwülf Geiseln zuzüglich des eigenen Sohnes Theodo waren die Folge für den Herzog. Ferner wurde der ganze bairische Adel dem Franken eidlich verpflichtet.

Sturz und Ende

Diese Einkreisung führte schließlich zum vollen Erfolg. Als Tassilo im Jahr 788 auf dem Hoftag in Ingelheim erschien, wurde er unter der Anklage verhaftet, er habe ein Bündnis mit den Awaren geschlossen, er gehe gegen die königliche Vasallen in Bayern vor und habe seinen eigenen Leuten befohlen, dem Frankenkönig nur unter Vorbehalt die Treue zu schwören. Zuletzt griff man das 25 Jahre zurückliegende Verlassen des Heeres durch Tassilo auf und fällte daraufhin das Todesurteil. Es wurde dadurch möglich, nicht nur die Person des Herzogs, sondern auch die im bairischen Gesetzbuch der Lex Baiuvariorum verankerten rechtlichen Ansprüche der Agliolfinger-Familie auf die Herrschaft in Bayern zu treffen. War das erreicht, kam es auf die Vollstreckung des Todesurteils gar nicht mehr an. Karl der Große konnte Tassilo gönnerisch zu lebenslanger Klosterhaft begnadigen.

Hoftag in Ingelheim 788

Die erhaltenen Quellen sind in erster Linie von den Siegern geschrieben, zeichnen also ein tendenziell Karl-freundliches Bild.
Was zeigen die Reichsannalen (um 790), die wichtigste Quelle zum "Prozess": Unter allen Prozessteilnehmern habe es Übereinstimmung gegeben, dass man Tassilo verurteilen solle, ja man forderte sogar die Todesstrafe für ihn; Karl hingegen bleibt in dieser Schilderung auffallend passiv.
Vergleicht man diesen Befund mit anderen schriftlichen Quellen, so muss man sich fragen, ob der Bericht der Reichsannalen wirklich der Realität entsprach.
So berichtet etwa Richbod in den Lorscher Annalen, dass sich die Stimmung unter den anwesenden Adeligen erst während des Treffens gegen Tassilo gewendet hatte; zudem sei Tassilo negativ von seiner Frau Liutbirc beeinflusst worden.
Noch deutlicher werden die Murbacher Annalen und zeichnen ein völlig anderes Bild: Demnach habe Karl Boten gesandt, um Tassilos Familie und Vermögen abzuholen. Auf der Versammlung von Ingelheim habe dann Tassilo seine „Schuld eingestanden“. Der König Karl ist hier ganz und gar nicht passiv, sondern spricht das Urteil.
Ein vor etwa 30 Jahren von Bernhard Bischoff aufgefundener Brief eines Gefolgsmannes Tassilos bestätigt die „Objektivität" der Murbacher Annalen.
So hat es sich in Ingelheim aller Wahrscheinlichkeit nach um einen „Schauprozess“ gehandelt, bei dem Karl das „alte Verbrechen“, den harisliz Tassilos im Jahr 763 neu ins Spiel brachte.
Karl ging es wohl auch darum, dass die Großen des Reiches ihre Untertanenrolle akzeptieren; Tassilo war dafür als „Illustration“ besonders geeignet. 789, ein Jahr nach dem Prozess, mussten alle freien Männer Karl die Treue schwören. (s. Matthias Becher (Bonn)„Machtkämpfe – Tassilos Verhältnis zu Pippin und Karl dem Großen“, in Tassilo III.) 

Offensichtlich waren in Ingelheim auch Tassilos Gemahlin Liutburc, seine Söhne und Theodebert und seine Töchter Rotrud und Cotani anwesend. Durch einen bedeutsamen Fund Bischoffs können wir aus zeitgenössischen Briefen noch neue Einblicke in die Zeit des Untergangs eines selbständigen bayerischen Herzogtums gewinnen. Ein Brief berichtet von Verhandlungen, die ein Priester Liudprand und ein weiterer ungenannter bayerischer Priester am fränkischen Königshof geführt haben, und enthält schließlich den Befehl an die Herzogs-Tochter Cotani, sich an den Königshof zu begeben. Zwei weitere Briefe von einem Geistlichen Promo und vermutlich von Fater, dem Abt von Kremsmünster und Kaplan Tassilos, bestätigen die annalistischen Notizen, dass mit Tassilo auch mehrere seiner bayerischen Anhänger verurteilt worden sind. War ein Todesurteil über Tassilo gefällt, kam es auf dessen Vollstreckung nicht mehr an und Tassilo konnte vom König zu Klosterhaft "begnadigt" werden. In St. Goar erhielt er die Tonsur, später kam er nach Jumieges, noch später nach Lorsch. Doch auch jetzt war noch kein Abschluß erreicht.

Sechs Jahre später, 794, wurde Tassilo auf einer Reichsversammlung in Frankfurt vorgeführt, und hier "verzichtete er auf jeden Rechtsanspruch und auf allen Eigenbesitz, soweit er ihm oder seinen Söhnen und Töchtern im Herzogtum rechtmäßig zugestanden war". Über die Hintergründe dieses erneuten Verzichts können wir nur Vermutungen anstellen, etwa, ob ein Zusammenhang mit der zwei Jahre zuvor erfolgten Empörung des Königs-Sohnes Pippin bestand. In Lorsch ist Tassilo am 11. Dezember eines unbekannten Jahres gestorben. Auch seine Frau und seine Kinder kamen hinter Klostermauern, bekannt ist nur der Aufenthalt des ältesten Sohnes Theodo in St. Maximin in Trier und seiner Töchter Cotani in Chelles und Rotrud in Soissons

Über den Ort seiner Verbannung und seines Begräbnisses gibt es eine Kontroverse erhoben: Romuald Bauerreiss, Wo ist das Grab Herzog Tassilos III.? (StMBO 49) 1931, 92-102; Max Heuwieser, Ist Herzog Tassilo im Kl. Niedenburg zu Passau begraben? (ZBLG 9) 1936, 412-416; Pankraz Stollenmayer, Das Grab Herzog Tassilos von Bayern (Jahresbericht des Gymnasiums der Benediktiner zu Kremsmünster 105) 1962, 1-66, dazu die Rezession von Gertr. Sangberger (ZBLG 26) 1963, 453-458;  einen wichtigen Hinweis auf Jumieges bringt Josef Semmler, Zu den bayrisch-westfränkischen Beziehungen in karolingischer Zeit (ZBLGH 29) 1966, 344-424, besonders 344 Anm. 1..

Die Legende berichtet, er sei geblendet in seinen letzten Jahren von einem Engel von Altar zu Altar begleitet worden. Auch seine Gattin und seine Kinder wurden hinter Klostermauern gehalten, Sohn Theodo soll in Kremsmünster begraben sein.

Welche Rolle der Salzburger Bischof Arn dabei gespielt hat, der wenig später von Karl dem Großen zum Erzbischof erhoben wurde, ist ungeklärt.

Damit verschwindet das bairische Herzogsgeschlecht der Agilolfinger aus der Geschichte. Noch 794 hatten aber die Franken Tassilo aus der Zelle geholt und gezwungen, vor der Reichsversammlung ein Reuebekenntnis abzulegen sowie für sich und seine Nachkommen auf sein Herzogtum zu verzichten: Finis Bavariae zur damaligen Epoche.

Rudolf Schieffer: Ein politischer Prozeß des 8. Jahrhunderts im Vexierspiegel der Quellen, in: Das Frankfurter Konzil von 794. Kristallisationspunkt der karolingischen Kultur. Akten zweier Symposien anläßlich der 1200-Jahrfeier der Stadt Frankfurt am Main, hg. v. R. Berndt (Mainz 1997) S. 167-182

Erinnerung

In Bayern hat man jedoch den letzten regierenden Agilolfinger nicht vergessen. Fater, der erste Abt von Kremsmünster und einstige Hofkaplan, beschrieb sein Leben. Jedesmal am 11. Dezember begingen die Tassilo-Klöster von Kremsmünster über Frauenchiemsee bis Wessobrunn den Jahrtag ihres Stifters. Das Volk erzählte sich die erwähnte Legende.

Die in Schwaben angesiedelte Chronik der Grafen von Zimmern aber weiß noch im 16. Jahrhundert zu berichten, ihre Vorfahren, die alten Freiherrn von Gundelfingen hätten ihre Abstammung auf eine Seitenlinie der Agilolfinger zurückgeleitet und wären so die letzten Sprossen aus Herzog Tassilos Haus gewesen. (Dr. Markmiller)

Tassilokelch

Psalter von Montpellier

Kirchenpolitik und Religiosität

Tassilo betrieb eine überaus aktive Kirchenpolitik; er berief die Synoden von Aschheim (756), Dingolfing (770) und Neuching (771) ein, wirkte mit bei der Einsetzung von Bischöfen und beobachtete die Gerichtsbarkeit über den Weltklerus. Besonders als Fundator von Klöstern ist er in Erscheinung getreten, sodass einige (ehemalige) Stifte Bayerns auf ihn zurückgehen, wie Scharnitz-Schlehdorf, Wessobrunn, Polling u. a. (Thierhaupten der Sage nach).

Doch nur in den ununterbrochen existierenden Stiften Kremsmünster und Frauenchiemsee blieb Tassilo in liturgischer Präsenz (s. Christian Lohmer, in: Tassilo III, S. 207ff). Schon die Zeitgenossen hatten seine persönliche Frömmigkeit mit den Worten „In sensu sanctae scriptuare praecessoribus maturior“  (Im Geist der heiligen Schrift überragt er seine Vorgänger) gewürdigt; so wird seine innere Bekehrung zum Mönch und die Lokaltradition, in ihm einen Seligen zu erblicken, durchaus glaubhaft: „Fundatores sunt quasi beati“, sagt die Kirche, dies dankbar anerkennend.