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Matthias Flothow
dumii@web.de

Bonifatius

nach oben (Kleriker)

+753

Erfassung:

Bonifatius ist historisch schwer greifbar. Zwar haben wir drei alte Chroniken über sein Leben. Aber jede dieser Chroniken verfolgt ein anderes Interesse und dieses Interesse ist mit dem Ort verbunden, an dem die Chronik geschrieben wurde:

Die erste Biografie des Willibald (763-68) repräsentiert die Sicht von Mainz, wo Bonifatius als Erzbischof tätig war, und legt den Schwerpunkt auf Kirchenorganisation.

Vita Sturmi von Eigils (794-800): porträtiert einen monastischen Bonifatius für das von diesem gegründete Fulda, wo auch sein Grab verehrt wird.

Vita Willibrordi von Alkuin (796): zeigt uns den Missionar. Alkuin hat als erster die Impulse von Bedas Historia ecclesiastica für die Hagiographie nutzbar gemacht und eine wirklich missionarische Vita verfasst. Die von der Forschung seit jeher beklagte Detailarmut von Alkuins lange nach Willibrords Tod (739) verfasster Schrift wird produktiv umgewertet. So ist die Vita Willibrordi ein Werk der Missionstheorie, das am Beispiel Willibrords die Bedeutung der Predigt und christlichen Unterweisung vor der Taufe betont. Indem Ian Wood das Werk exakt auf 796 datiert, stellt er es in direkten Zusammenhang zu Alkuins Briefen zur Awarenmission, etwa an Erzbischof Arno von Salzburg, aus dem gleichen Jahr. Die Vita selbst ist allerdings an die Klostergemeinschaft der Willibrordgründung Echternach gerichtet, die, so Woods Indizienbeweis, mit der Sachsenmission betraut werden sollte. Die Vita Willibrordi wird somit neu gewürdigt als „a central text for understanding the developing ideologies of mission in the late eighth century“ (S. 89).

Vita Gregorii von Liudger: Erst nach diesem Einschub kann Wood deutlich machen, warum an Bonifatius dritter Wirkungsstätte Utrecht, von der aus er den späten Versuch der Friesenmission unternahm, Bonifatius als Missionar memoriert wurde. Den Zugang liefert die komplexe Interpretation der Vita Gregorii (786/800-804), die zu großen Teilen auch Bonifatius gewidmet ist. Deren Autor, der aus Friesland stammende spätere Bischof von Münster Liudger, hatte als Priester längere Zeit unter Alkuin an der Kathedralschule von York studiert. Dabei und durch die Vita Willibrordi seines Lehrers, wenn man der Spätdatierung seines Werkes auf nach 800 folgt, habe Liudger Alkuins Wertschätzung der Predigt für die Mission kennen gelernt und für seine eigene Vita Gregorii übernommen. Oft ist dieses Werk von Historikern wegen der nachweislichen Konfusion von Fakten kritisiert worden. Wood dagegen sieht seinen Wert in der realistischen Beschreibung der Mission unter den Heiden, die Liudger bei seiner eigenen Tätigkeit in Friesland und Sachsen kennen gelernt hatte. Wood kommt zu der paradoxen Schlussfolgerung: „the Vita Gregorii is almost a displaced autobiography: the careers of Boniface and Gregory have become pegs upon which Liudger could hang his own experiences“ (S. 112).

Es erstaunt nicht, dass Wood das Werk der Angelsachsen auf dem Kontinent zurückhaltend bewertet. Es sei vor allem die Tätigkeit zweier Familiennetzwerke gewesen – des von Bonifatius und von Willibrord. Sie hätten aber weniger für die Heidenmission bewirkt, als bisher angenommen. Linguistische Befunde legten nämlich nahe, dass die Gebiete östlich des Rheins, mit Ausnahme von Friesland und Sachsen, bereits durch fränkischen Klerus missioniert waren, als die Angelsachsen dort tätig wurden. Allerdings hat das umfangreiche, miteinander verschränkte Corpus dieser Viten bis heute erfolgreich eine andere Sicht vermittelt.

Biographie:

Aus: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band I (1990)Spalten 684-687 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz <www.bautz.de/bbkl/b/bonifatius_w.shtml>

BONIFATIUS, Wynfnith, als »der Apostel der Deutschen« gleichzeitig der Bahnbrecher der römischen Herrschaft in Deutschland, * 671/72 zu Crediton (?) in Wessex als Sohn eines reichen Gutsbesitzers, † 5.6. 754 am Fluss Borne in der Nähe des heutigen Dokkum am Dollart, beigesetzt in Fulda.

Zum Dank für erfahrene Genesung brachte sein Vater ihn mit sieben Jahren in das Kloster Adescancastre. Bald darauf kam er in das Benediktinerkloster Nhutscelle, nördlich von Southampton, wo er in dem frommen, gebildeten Geist des angelsächsischen Mönchtums heranwuchs. B. wurde Lehrer und zum Priester geweiht, gab aber die ihm bevorstehende glänzende Laufbahn auf und zog 716 mit einigen Genossen als Missionar nach Friesland, wo ihr Wirken wegen der Christenfeindlichkeit des Friesenherrschers Radbod erfolglos war. Da die Friesen mit Karl Martell in Krieg lagen, kehrte er in sein Kloster zurück, lehnte aber die Wahl zum Abt ab, weil er sich zum Missionar berufen wusste. Im Spätherbst 718 reiste B. nach Rom, um sich vor einer weiteren missionarischen Wirksamkeit in Deutschland der Unterstützung durch den Papst zu versichern. Am 15.5. 719 erhielt er von Gregor II. seine Bestallungsurkunde als Prediger unter den Heiden und zugleich den Auftrag, in dem bereits als christlich geltenden Land Thüringen die bestehende Kirche zu reformieren, zu organisieren und Rom unterzuordnen. Als B. erfuhr, dass Radbod gestorben sei, zog er den Rhein hinab zu Willibrord und arbeitete an seiner Seite drei Jahre in Friesland, lehnte aber ab, für immer dort zu bleiben und Willibrords Nachfolger zu werden, weil er sich durch den Auftrag des Papstes gebunden fühlte. B. wandte sich 722 nach dem Lahngau und gründete als Stützpunkt für seine weitere Missionsarbeit das Kloster Amöneburg an der Ohm. Er wirkte erfolgreich und drang nach Niederhessen bis an die sächsische Grenze vor.

In Rom empfing B. am 30.11. 722 durch Gregor II. die Weihe zum Missionsbischof gegen die eidliche Verpflichtung, mit den Bischöfen, die sich nicht an die kanonischen Vorschriften hielten, keine Gemeinschaft zu haben, sondern ihnen vielmehr ihre Tätigkeit zu wehren oder sie dem Papst anzuzeigen. Im Frühjahr 723 kehrte er von Rom zurück und suchte zunächst Karl Martell auf, der ihn als Bischof anerkannte und ihm einen Schutzbrief ausstellte. B. nahm die Arbeit in Hessen wieder auf und eroberte das Land durch eine kühne Tat, durch die Fällung der mächtigen, dem Donar geweihten Eiche bei Geismar. Im Spätsommer 724 zog er nach Thüringen und entfaltete auch hier eine erfolgreiche Wirksamkeit: baute Kirchen, gründete in Ohrdruf ein Kloster und regelte trotz des iroschottischen Widerspruchs die kirchlichen Verhältnisse in Thüringen nach römischen Vorschriften.

Auseinandersetzung mit Virgil von Salzburg

B. wurde 732 von Gregor III. zwecks selbständiger organisatorischer Tätigkeit zum Missionserzbischof ernannt, setzte aber zunächst seine Missionsarbeit in der alten Weise fort. 738 zog B. zum drittenmal nach Rom und begann nach seiner Rückkehr mit der Errichtung von Bistümern.

Er gründete 739 in der bayrischen Kirche die Bistümer Salzburg, Regensburg, Freising und Passau, denen 745 das Bistum Eichstätt an der Altmühl folgte. 741 errichtete er das Bistum Würzburg, das Mainfranken und das südwestliche Thüringen umfasste, und das Bistum Buraburg für Hessen, das aber bald nach dem Tod des Bischofs Witta (vor 763/65) mit Mainz vereinigt wurde. Im Herbst 741 bestimmte er Erfurt zum nordthüringischen Bischofssitz, den man aber zugunsten des Sprengels Eichstätt aufgab.

Nach dem Tod Karl Martells (741) ging B. mit großer Tatkraft an die Reform der fränkischen Kirche, die durch die Willkür der Hausmeier und die Verweltlichung der Geistlichkeit in argen Verfall geraten war. Er hielt im Osten, in Austrasien, dem Machtbereich Karlmanns, und im Westen, in Neustrien, dem Machtbereich Pippins, Synoden ab, stieß aber in seinem Bemühen um Romanisierung der Kirche auf starken Widerstand. B. setzte 745 auf der gemeinsamen Synode durch, dass die beiden Führer der Widerstandsbewegung, die Bischöfe Aldebert und Clemens, und ein anderer seiner Gegner, der Bischof Gewilib von Mainz, der an einem Sachsen Blutrache geübt hatte, abgesetzt und der Klosterhaft übergeben wurden.

B. erreichte nicht die von ihm erstrebte offizielle Anerkennung der Oberhoheit Roms über die fränkische Kirche, weil die Fürsten sie nicht vollzogen und nur ein Teil der Bischöfe auf seiner Seite stand, während bei dem national-fränkisch gesinnten Teil sich ein starker Widerstand dagegen erhob, woran es auch lag, dass er sich mit Mainz als Bischofssitz begnügen musste, obwohl auf der Generalsynode von 745 auf seinen Wunsch Köln als fester Metropolitansitz für ihn bestimmt worden war. B. zog sich in sein Bistum Mainz zurück und wandte seine besondere Liebe dem Kloster Fulda zu.

An den großen kirchlich-politischen Ereignissen war er nicht mehr beteiligt. B. legte 752 das Bischofsamt nieder und zog im Sommer 753 nach Friesland. Er ordnete an der Ostküste des Zuidersees auf fränkischem Gebiet die kirchlichen Verhältnisse und verlebte den Winter in Utrecht. Im Frühjahr drang B. immer tiefer in das Heidenland vor. Das Evangelium fand aufnahmewillige Herzen. Am Mittwoch vor Pfingsten sollte die Firmung der Neubekehrten stattfinden. In der Morgenfrühe dieses Tages wurde B. von einer heidnischen Schar überfallen. Er verbot seinen Gefährten jede Gegenwehr und wurde mit ihnen erschlagen.

Werke: Schrr.: MPL 89. - Briefe, hrsg. v. Ernst Dümmler, in: MG Epp. III, 231 ff., u. v. Michael Tangl, in: MG Epp. selectae I, 1916; in Ausw. übers. v. dems. (GDV 92). 1912 - Gedichte, in: MG Poetae aevi Caroli I, 1881, 3 ff. (vgl. Manitius I, 149 ff).- Opera omnia ed. J. A. Giles, London 1844; dt. v. Philipp Külb, 2 Bde., 1859.

Rezeption:

Im 19. Jh. erfolgt, in Antwort auf die Stilisierung Luthers und der breit gefeierten Lutherjubiläen, eine Stilisierung des Bonifatius zum Apostel der Deutschen.