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Matthias Flothow
dumii@web.de

Welf I. von Bayern (Welf IV.)

Vorgänger: Herzog Otto 1070
Nachfolger: Herzog Heinrich VIII. 1077

Vorgänger: Herzog Heinrich VIII. 1096
Nachfolger: Herzog Welf II. 1102


Vater:  italienischer Markgrafen Alberto Azzo II. d'Este,
Mutter: Kunigunde von Kärnten (Schwester der Herzogs Welf III. von Kärnten (+ vor 1055)

Erbe der welfischen Besitzungen in Schwaben und Bayern (die Welf III. bereits Weingarten vermacht hatte).

1. oo

 Ethelinde von Northeim

Tochter von Otto II. von Northeim, Herzog von Bayern. Dieser wurde 1070 geächtet, woraufhin Welf seine Frau verstieß.

2. oo 1071

Judith von Flandern (+1094)

Tochter von Graf Balduin IV., Witwe des Graf Tostig Godwinson von Northumbria.

Kinder:

1. Welf II. (Welf V.)

2. Herinrich IX. der Schwarze

3. Kunizza (+1120)

oo Friedrich Rocho, Graf von Dießen (?)

 

Weihnachten 1070 wurde Welf von Heinrich IV. mit der Nachfolge Ottos in Bayern betraut.

Im Investiturstreit stand Welf auf der päpstlichen Seite, unterstützte im März 1077 die Wahl Rudolfs von Rheinfelden gegen Heinrich, wurde im Mai geächtet und floh nach Ungarn; in seinen Besitzungen und Ämtern regierte fortan der König selbst.

Um 1089 vermittelte Papst Urban II. die Eheschließung von Welfs 17-jährigem Sohn Welf V. mit der 27 Jahre älteren Mathilde von Tuszien, der Herrin von Canossa; die Trennung dieser Verbindung im Sommer 1095 bereitete Welfs Wechsel auf die kaiserliche Seite und die ein Jahr später (1096) erfolgende Versöhnung mit dem Kaiser vor, mit der auch die Rückgabe Bayerns an Welf verbunden war.

Welf IV. nahm am Kreuzzug von 1101 teil und starb auf der Rückfahrt von Jerusalem auf Zypern. Er wurde in Weingarten begraben.

 

Lit: Dieter R. Bauer / Matthias Becher (Hgg.): Welf IV. - Schlüsselfigur einer Wendezeit.

Aus der Rezension hierzu von Christof Paulus (http://www.sehepunkte.de/2006/11/8433.html, 12.8.2011):

Kurt Reindel: kluger, wendiger und wandlungsfähiger Politiker. Wilhelm Störmer: Machtpolitiker.

Maßgeblich an der Wahl der Gegenkönige Rudolf von Rheinfelden und Hermann von Salm beteiligt, ohne sich selbst je in diese Position zu bringen. Wohl aus machtpolitischen Gründen hatte Welf zuvor 1070 seine Gemahlin Ethelinde, Tochter des Bayernherzogs Otto von Northeim, verstoßen, wovon Lampert von Hersfeld nur mit Ekel berichten konnte.

Durch eine einträgliche Ehe mit Judith von Flandern, Witwe des Earl Tostig von Northumberland, spannte Welf IV. seine Beziehungen über Italien, Schwaben und Bayern nun weit nach Norden aus. 1101 oder 1102 verstarb er auf der Rückreise vom zweiten Kreuzzug.

Der Formulierung "Schlüsselfigur" geht die Annahme voraus, in Welf bündelten sich kaleidoskopartig gewisse Diskurse der Zeit.

Matthias Becher zeichnet die Geschichte des zunächst möglicherweise als despektierlicher Spitzname gedachten Wortes "Welf" nach. Die gedankliche Verbindung mit dem lateinischen "catulus" sei von Welf IV. wohl bewusst als Traditionsanknüpfung aufgegriffen worden, die zudem eine durch die Historia Welforum belegte Nähe zum römischen Republikaner Catilina aufweise. Diese habe sich wiederum mit dem Widerstand Welfs IV. gegen Kaiser Heinrich IV. verknüpfen lassen. Wie sich dies mit einem auch im Mittelalter schon negativen Catilinabild vereinen lässt, bleibt zu diskutieren.

 Werner Hechberger weist umsichtig nach, dass Zeitgenossen im Gegensatz zu Späteren die Ereignisse um das irritationsreiche Bodmaner Testament von 1055 und den Erbwechsel von Welf III. auf Welf IV. nicht als Bruch empfanden, da das gleichsam familienrettende Einspringen eines Seitenverwandten durchaus nicht als Problem angesehen wurde.

Grundsätzliche Bedeutung kommt den Ausführungen Hubertus Seiberts zum bayerischen Dukat Welfs IV. zu. Seibert kann drei Phasen unterscheiden, die durch eine erstrebte Zunahme der herzoglichen "auctoritas" geprägt sind. Eine Ausnahme bildet hierbei der bayerische Vorort Regensburg als Zentrum königlichen Einflusses. Zwischen 1070 und 1101 konnte Welf IV. keine Landtage dort durchführen, was zweifellos den schon früher eingeschlagenen "Sonderweg" der Donaustadt mitbestimmte.

Das schwäbische Pendant zur Arbeit Seiberts ist der Aufsatz von Thomas Zotz, der den Konflikt der südwestdeutschen Großen mit Kaiser Heinrich IV. nachzeichnet, in dem Welf IV. eine maßgebliche Bedeutung zukam. Unter begriffsgeschichtlichem Ansatz ausgehend von Bernold von Konstanz, spannt Zotz seine Überlegungen für die Zeit bis 1077 zwischen dem Begriffspaar Kränkung ("iniuria") und Rückzug ("discessio") ein, worauf eine offensive Phase unter dem Stichwort "coniuratio" folgte. Dem durch Bruno bezeugten schwäbisch-sächsischen "foedus" nach 1070 misst der Freiburger Historiker im Rahmen der Gegenkönigswahlpläne mehr als nur äußerliche Bedeutung zu.

Mit dem Problemfeld Welf IV. und die Kirchenreform befassen sich die Aufsätze von Johannes Laudage und Helmut Maurer. Letzterer sieht in Welf IV. und Bischof Gebhard III. von Konstanz die Häupter, die Bodenseegegend als Zentrum der süddeutschen Reformpartei, wobei er den Begriff Reform weit deutet und vor allem in der Papsttreue, der "militia sancti Petri", und der daraus resultierenden Opposition zum Salierkaiser begründet findet. Die Frage, ob Welf IV. ein Reformadliger war, beantwortet Laudage hingegen "mit einem entschiedenen Jein" (311), da auch machtpolitische Gründe für das Handeln des Herzogs zu berücksichtigen seien. Insgesamt gelingt Laudage und Maurer im Wechselspiel zwischen Biografie und Geistesgeschichte eine Profilierung der jüngst im Rückgriff auf Max Weber beschriebenen, als zunehmend von Rationalisierungstendenzen bestimmten "Entzauberung der Welt" am Ende des 11. Jahrhunderts (Stefan Weinfurter).

 Die Geschichte des welfischen Hausklosters Weingarten zeichnet Sönke Lorenz in seinem zeitlich weit ausgreifenden Aufsatz nach.

Das "Italienische" Welfs IV. sucht Katrin Baaken nachzuweisen, obzwar sie die Problematik dieser Fragestellung angesichts eines in weiten Räumen denkenden Geschlechts eingesteht. Die Aussage, Welf habe nach langobardischem Recht gelebt, ist quellenkritisch problematisch. Strategisch bedeutsam sind die Verbindungen zum Zentralort Verona, wie sie auch Heinz Dopsch für Welf III. nachwies.

Die Heirat Welfs V. und Mathildes von Tuszien sieht Elke Goez weitgehend durch Welf IV. beeinflusst, wobei sie bezüglich der Motive Mathildes Papsttreue, die Sorge um den Fortbestand der Markgrafschaft Tuszien, den Wunsch der Großen und der vielleicht noch bestehenden Hoffnung auf Nachwuchs zumindest für denkbar hält.

Auf dem zweiten Kreuzzug habe Welf IV. laut Marie-Louise Favreau-Lilie "nur eine eher ruhmlose Nebenrolle" (447) gespielt. Lediglich Albert von Aachen überliefert einen Hinweis auf das Ansehen Welfs IV., von dem Kaiser Alexios I. den Vasalleneid forderte. Ekkehard von Aura

In seinem öffentlichen, rhetorischen Abendvortrag entwarf Bernd Schneidmüller ein vielseitiges Lebensbild Welfs IV. Als "Mann der vielen Anfänge" (1), "aus dem Quellennichts" erstanden (11), komme dem Bayernherzog eine gewisse Beispielhaftigkeit für diese turbulenten Zeiten zu (5 f.). Er habe die Dynastierung des bayerischen Dukats für das - freilich auch unterbrochene - welfische Jahrhundert begründet. Insgesamt sei Welf eine "Schlüsselfigur der Wendezeit" (1).