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Matthias Flothow
dumii@web.de

Reformversuche protestantischer Metaphysik

zwischen 1650 und 1730

Linien: Philosophie


Quelle: Ulrich Gottfried Leinsle, Reformversuche protestantischer Metaphysik im Zeitalter des Rationalismus, Augsburg 1988. (Diese Seite ist ihm gewidmet, der zu seinem Buch die skeptische (leibnitzsche) Frage hat: "Quis leget haec? - vel duo vel nemo". Hiermit outet sich jedenfalls unus.)

1. Pädagogische Reduktion der scholastischen Metaphysik
1.1 Tabellarische Darstellung einer Begriffswissenschaft: Daniel Stahl
1.2 Metaphysik im Handgepäck: Johann Adam Scherzer

2. Metaphysik und Pansophie
2.1 Relationsontologie als Grundlegung der Enzyklopädie: Johann Heinrich Bisterfeld
2.2 Von der "scientia entis" zum Idealplan der Welten: Johann Amos Comenius
2.3 Mathematische Metaphysik und Pansophie: Erhard Weigel

3. Cartesianismus und scholastische Metaphysik
3.1 Von Comenius zu Descartes: Johannes Clauberg
3.2 Universalmathematik als Metaphysik: Johann Christoph Sturm
3.3 Cartesianische Logik und scholastische Metaphysik: Johannes Sperlette

4. Kritik der scholastischen Metaphysik
4.1 Aristotelische gegen scholastische Metaphysik: Christian Dreier
4.2 Historische Kritik und pädagogische Anpassung: Jakobus Thomasius
4.3 Die logische Kritik der Metaphysik: Ehrenfried Walter von Tschirnhaus
4.4 Verbot der Metaphysik im Namen der Aufklärung: Christian Thomasius

5. Neubegründung scholastischer Metaphysik
5.1 Metaphysik als beweisende Wissenschaft: Johannes Paul Hebenstreit
5.2 Ontologie als Instrumentaldisziplin: Johann Franz Budde
5.3 Anthropologische Grundlegung der Ersten Philosophie: Johann Jakob Syrbius
5.4 Metaphysik der Erfahrung: Andreas Rüdiger

6. Das neue System der Metaphysik
6.1 Emendation der Ersten Philosophie: Gottfried Wilhelm Leibniz
6.2 Die nicht erreichte Synthese: Christian Wolff
6.3 Scholastisierung des neuen Ansatzes: Ludwig Philipp Thümmig
6.4 "Leibnitz-Wolffische Philosophie": Georg Bernhard Bildinger

7 Das Ding als Produkt
    Was sind die bestimmenden Gemeinsamkeiten?
7.1 Methodische Vernunft
7.1.1    Ausgeprägtes Methodenbewußtsein. Schlagwörter: "Methode", "Klarheit", "Deutlichkeit". Die Methode wird so wichtig, dass der methodische Idealplan beibehalten wird, auch wenn man ihn nicht durchführen kann.
7.1.2    Alles Denken ist Rechnen (Hobbes, Weigel). Das kann sich auf die Anordnung, auf die Beweisart oder auf die Inhalte der Metaphysik beziehen. Alle Lebensvollzüge des Menschen als Individuum und Gesellschaft sind mathematisch darstellbar. Denken wird zum Lösen von Gleichungen. Die mathematische Analyse ist also Metaphysik; denn sie ist nun das, "was das Seiende eigentlich erst begreifbar macht."
7.1.3     Im Namen der Gewißheit, die die Mathematik zu garantieren scheint. Für Mathematik, Begriff und Sprache genügt ein einziges Prinzip: das Widerspruchsprinzip. (Bereits Platon hat die Natur "zurückmathematisiert", laut Alexander von Aphrodisias.) Die angewandten Realwissenschaften sind verschieden (Chemie, Mechanik, Kräftelehre). Insgesamt mathematisch-naturwissenschaftlicher Standard der Wissenschaftlichkeit und Erklärungskraft.
7.1.4     Vielfache Reduktionsbestrebungen. Pansophisches Programm: Rückführung des Vielfältigen auf Weniges und des Wenigen auf ein Einheitsprinzip (Comenius: Nihil, Aliquid, Omnia). Dazu pädagogisches Interesse an den Elementen des philosophischen Unterrichtes. Deshalb herrschen Tabellen und Lexika, einprägsame Einteilungen und topologische Anordnungen vor. Alles Wissen in einem einzigen Buch! Aber die Einheit-begründende Instanz in Gott, in den ersten Ideen oder in den Sinnen gesehen. Aber als noch grundlegender stellt sich die sensio heraus, die zu Hypothesen führen kann, die der Verifizierung oder Falsifizierung möglich sind. (Nur die metaphysischen Theorien sind auf diesem Wege weder beweisbar noch widerlegbar, also scheiden sie aus!!!!!)

7.2 Der Zwiespalt in der Erkenntnis
7.2.1 Erkenntnistheorie dominiert.
Bereits die frühe protestantische Metaphysik war vor allem im Anschluß an Suarez (und mittelbar an Scotus) erkenntnistheoretisch orientiert. Der Zugang zum Seienden vollzieht sich im formalen und objektiven Begriff.

Die Trennung von Erkenntnislehre und Metaphysik wird aufgehoben im Cartesianismus, wo im Ausgang von der Selbsterkenntnis des "Ego cogitans" erst die metaphysische Erkenntnis gewonnen wird. (Doch dieser Ansatz ist in der deutschen Schultradigion kaum wirksam geworden).

Die Metaphysik hat, ausgehend von der Erkenntnis, die Aufgabe, die Grundbestandteile des Denkens, die angeborenen Ideen und die ersten Erkenntnis- und Seinsprinzipien der Dinge darzustellen. Der Proportionalität von Erkenntnis und Wirklichkeit entspricht eine Abbildtheorie des Erkennens, das immer noch vom Objekt als seinem Movens bestimmt ist. Von Comenius wird der Abbildcharakter zu einer Spiegelung ausgestaltet. Weil die Begriffe der Dinge und ihre Gründe ebenso (archetypisch) in Gott sind, wie (ektypisch) in der Natur, wie (antitypisch) im menschlichen Geist, kann der Metaphysik die Aufgabe zuommen, jene Ebene der dreifachen WIrklichkeit zu untersuchen, die am einfachsten zugänglich ist: den menschlichen Geist. Metaphysik wird zur Analyse des menschlichen Geistes, weniger der seienden Dinge.
(Anders im Nominalismus Weigels, wo der Parallelismus aufgegeben wird. Unsere Erkenntnis kommt zu einer essentia titularis, nicht aber zur Erfassung des realen Dinges. Die Einzeldinge sind nur durch mathematische Analyse aus den Determinanten bestimmbar, nicht aber in ihrem Wesen erfassbar: Nur ihre Position können wir erkennen.)

7.2.2 Umdeutung des Seins- bzw. Existenzbegriffs.
Nicht mehr die ontologische Konstitution des Seienden durch Akt und Potenz steht im Vordergrund, sondern die subjektive Erfassung durch den Erkennenden. Dabei gibt es zwei Richtungen:
Erstens: Das Seinskriterium wird in die Begreifbarkeit verlegt. Das Seiende muss widerspruchsfrei und deshalb ein Mögliches sein. Da aber Begreifen ein Formen im Geist ist, ist das Seiende primär das im Geist widerspruchsfrei, klar und deutlich Formbare. (Tschirnhaus)
Zweitens: Sein ist nicht das Geformtwerden im Geist, sondern das Vorgefundenwerden mittels der Sinne. (Thomasius, Rüdiger) Esistent ist das Wahrgenommene und das Wahrnehmbare insgesamt, sowohl durch äußere wie auch innere Sinne als Erkenntnisvermögen. Begreifbarkeit und Wahrnehmbarkeit sind vereinigt.
(Wolff greift dagegen mit "complementum possibilitatis" auf Scholastisches zurück).

7.2.3 Zwischen Empirie und Apriori
Die Metaphysik des Rationalismus wird bei der Operationalisierung des Seinsbegriffs von einem Gegensatz durchzogen: Ist Metaphysik apriorische Konstruktion der Wirklichkeit aus den Grundbestandteilen und nach den Gesetzen des Denkens (dabei bleibt das konkret Existierende ein Opak-Undurchdringliches)? Oder ist Metaphysik Analyse des Vorfindlichen (dabei werden das Wesen der Dinge und die Substanz unerkennbar, da diese niemals sinnenfällig sind, sondern nur die entsprechenden Modi bzw. Akzidentien sind es.)?
Wolff versucht, eine ausgewogene Synthese beider Richtungen herbeizuführen, ein "sanctum connubium" von Empirie und Apriori zu erreichen.

7.3 Metaphysik als Realwissenschaft?
Die auffallendste Änderung erfährt die wissenschaftstheoretische Stellung der Metaphysik. Der Wissenschaftscharakter, der Realitätsbezug und die Funktion der Ersten Philosophie, Grundlage der übrigen Wissenschaften zu sein, werden in Abrede gestellt.
Durch die Eliminierung der speziellen Metaphysik, die mit der Einteilung der Wirklichkeit in Kategorien zu tun hatte, ist(von Stahl bis Syrbius) die Metaphysik als Ontologie auf eine Theorie allgemeinster Begriffe beschränkt.
Und dann werfen ihr die an einer aristotelischen Real-Metaphysik Interessierten vor, ein Abirrung zu sein.
Bereits Stahl nimmt "ens" im Sinne der Metaphysik in seiner weitesten Bedeutung (transcendentissime); dadurch ist aber der Erklärungswert metaphysischer Begriffe sehr gering. Kein Wunder, wenn die Scheinerklärungen der Metaphysik bald verspottet werden.

Andererseits erhebt die Metaphysik im Rationalismus einen weitreichenden Anspruch:die vollständige Erfassung des Wesens der Dinge aus ihren Gründen, die Tatalerklärung der Wirklichkeit aus ihrer Konstitution, ja sogar die Konstruktion möglicher Welten als Grundlage der wirklichen Welt. (Vor allem in der Pansophie: Leibniz - Weigel - Wolff).
Die Verbindung von Platonismus, Essentialismus und mathematischem Denken, die in der protestantischen Schulphilosophie seit Melanchthon und C Martini heimisch war, findet hier ihre volle Entfaltung.

Durch die Verbindung von theologischer und naturwissenschaftlicher Erklärungsweise tritt der hypothetische Setzungscharakter metaphysischer Annahmen klar hervor. (Rüdiger)
Welchen Platz hat dann Metaphysik? Ist sie die Instrumentaldisziplin der allgemeinsten Termini?
Schwerpunkt Terminologie und Axiomatik?
Wolff: Die metaphysischen Begriffe sind notiones directrices, heuristische Leitbegriffe zur wissenschaftlichen Forschung. Solche Begriffe können noch heuristische Funktion haben.

7.4 Die Konstruktion des Dinges
Als Paradigma der Wissenschaftlichkeit gelten für die Metaphysik im Zeitalter des Rationalismus herstellende Wissenschaften: Chemie, Physik, Mathematik.
So begreift auch die Metaphysik ihren Gegenstand, das Ding, weniger in seinem Sein als in seinem Geworden- bzw. Gemachtsein. Das Sein der Dinge wird bereits operationalisiert als Wahrgenommen- oder Begriffenwerden. Aufgabe der Metaphysik wird es nun, die Konstitution der Dinge nachzuzeichnen.
Die theologische Konstitution der Dinge tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Auch das Potenz-Akt-Schema von Essenz und Existenz befindet sich im Rückzug gegenüber neuen Weisen, die Konstitution der Dinge zu erklären. Durch Einbeziehung der productio als eigenem Faktor (und als reales Attribut) gegenüber Essenz und Existenz gewinnt bei Bisterfeld die Metaphysik dynamische Gestalt.

Ein Hauptmittel, das Werden der Dinge zu verdeutlichen und diese auf ihre Voraussetzungen hin zu analysieren, ist die genetische Definition ( als höchster Stufe der Definition). Die genetische Definition beschränkt sich zunächst auf das Wesen. Die tatsächliche Existenz muß mittels der Produktion aus realen Kräften abgeleitet werden, da aus nichts nichts wird. (Spinoza fordert im Anschluß an Hobbes die genetische Definition). Eher organische Vorstellungen des Werdens.

Bei Leibnitz wird der metaphysische Grundbegriff der Substanz durch den quantitativ-naturwissenschaftlichen der Kraft definiert. Die Substanz enthält die Gesetze ihrer Wirkungen; diese Gesetze sollen möglichst mathematisch beschreibbar sein.

Weigel: Die Genealogie der Dinge, die auf diesem Weg erreicht wird, ist nur eine begrifflich-definitorische. Die Existenz der Dinge bleibt als Setzung außerhalb der genetischen Definition.

Wolff stellt operative Verfahren zur genetischen Definition bereit: Kombination, Analyse, Beobachtung.

Der Mensch als "homo faber" ist gerade in seinem Herstellen das Abbild des geometrisch planenden Schöpfergottes, dessen Gedanken "de rebus producendis" schon Comenius nachzeichnet. Das Ding ist grundlegend ein factum und die Machbarkeit ist nicht mehr das Prärogativ der göttlichen Schöpfung. Der Mensch tut (re-)konstruierend so, als ob er die Welt erschaffen hätte oder sie erschaffen könnte. "Konstruktion des Universums durch die Vernunft" (Comenius).

Das Hervorgehen der Dinge wird mathematisch begreifbar mittels der Zahlen 1 und 0: So gehen alle Dinge aus Gott und Nichts hervor (Leibniz).

Das reduktive Programm, von dem die Methode neuzeitlicher Metaphysik getragen ist, bestimmt auch ihren Inhalt. Zuerst werden die Dinge auf ihre Mathematischen Gestaltung- und Konstruktionsgesetze reduziert. Dadurch werden sie produzierbar, sei es für einen göttlichen Geist oder dessen menschliches Abbild. Requisita- schematismus und Gesetze bestimmen die Wirklichkeit, die eine ideale Gesetzeswirklichkeit geworden ist. Sie soll dem Anspruch wissenschaftlicher Erfassung nach dem Muster von Mathematik, Physik und Chemie genügen. Deshalb hat auch die neuzeitliche Metaphysik die Dinge "solange vereinfacht, bis wir sie selbst machen können". (Riedl, Die Evolutionäre Erkenntnistheorie,1987, S. 12).
Die Existenz des ens in seiner weitesten Bedeutung im Rahmen einer möglichen Welt ist deshalb primär eine mathematische Existenz, die definiert ist durch L.E.J.Brouwers Gleichung: "esse = construi". Sein ist gesetztes Sein, konstruiertes Sein.
Der Ontologie dieser Zeit sind deshalb zwei Grundfragen aufgegeben:
1. Was ist überhaupt ein Ding?
2. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?
Der Gehorsam der Dinge gegenüber der metaphysischen Gesetzlichkeit kann nicht bewiesen, sondern immer nur postuliert werden (Rüdiger).