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Matthias Flothow
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Orban, Ferdinand SJ, Mathematiker, Hofprediger, Sammler

Absolutismus

Quelle: BBKL, Band XX (2002), Spalten 1133-1136 (Manfred Knedlik)

* 6. (oder 16.) 5. 1655 Exing bei Landshut, † 30.12. 1732 Ingolstadt. -

1672 in die Gesellschaft Jesu eingetreten, studierte er 1675-78 Logik und Metaphysik in Ingolstadt, lehrte bis 1682 Grammatik und Rhetorik an den Jesuitengymnasien in Neuburg an der Donau, Burghausen, Landshut und Regensburg, und kehrte danach an das Ordenskolleg in Ingolstadt zurück, um das Studium der Theologie aufzunehmen, das er 1686 abschloss. 1688 wurde er als Professor der Mathematik nach Innsbruck berufen, wo er von 1689-92 außerdem das Amt des Hofpredigers innehatte. Während seines Innsbrucker Aufenthaltes begann er zudem, eine Kunst- und Naturaliensammlung aufzubauen. Von Herzog Karl V. von Lothringen erhielt er wertvolle Stücke aus der Wiener Türkenbeute von 1683; auch erwarb er zahlreiche Gemälde Tiroler Künstler. Vom Ordensprovinzial wegen mangelnden Gehorsams abberufen, wirkte er von 1692-95 als Prediger in Burghausen und anschließend an St. Martin in Landshut.  1703 ging er als Beichtvater des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz († 1716) nach Düsseldorf; dort war er auch mit der Verwaltung des von ihm und dem Kurfürsten begründeten Hubertusspitals betraut. 

1719 kehrte er nach Landshut zurück, wo er als Bibliothekar und Präses der Marianischen Kongregation tätig war; große Verdienste erwarb er sich um den Neubau des Armenspitals, für den er 60000 fl. stiftete. 1722 wurde er wegen erneuter Auseinandersetzungen mit dem Provinzialat nach Ingolstadt versetzt. Als er 1724 die Erlaubnis der Ordensoberen erhielt, seine umfangreiche, im Laufe von Jahrzehnten gewachsene Sammlung aus Landshut wieder in Besitz zu nehmen, ließ er einen eigenen Museumsbau (den bis heute erhaltenen "Orbansaal") im Garten des Ordenskollegs errichten. - 

Die Raritätenkammer, bisweilen mit dem "Musaeum Kircherianum" in Rom verglichen, umfasste mathematische, physikalische und astronomische Instrumente, Textilien, Waffen, Kleinplastiken, Steinschnitte und Gemälde (darunter eine Kollektion niederländischer und italienischer Maler, die er in Düsseldorf erworben hatte), eine Münzsammlung, ostasiatisches Kunsthandwerk, das er seinen Kontakten zu Mitbrüdern in der China- und Japan-Mission verdankte, sowie Naturalien (Mineralien, Muscheln, Insekten). Ein aus dem Jahre 1774 stammendes Inventar verzeichnet ca. 1450 Objekte; im 19. Jh. gelangten Teile der Universalsammlung in den Besitz staatl. bayer. Museen (Bayer. Nationalmuseum, Völkerkundemuseum, Staatl. Münz-Smlg., Bayer. Staatsgemälde-Smlgn.). - 

Der Jesuit galt seinen Zeitgenossen als Gelehrter, selbst Gottfried Wilhelm Leibniz stand mit "Pater Orbanus" jahrelang in wiss. Briefwechsel. In der Vielfalt der Sammlung spiegeln sich die weitgespannten geistigen Interessen ihres Begründers, der sich mit Mathematik, Physik, Astronomie und Alchemie beschäftigte; sie ist zugleich Zeugnis für den Aufschwung der Naturwissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert, zu dem u.a. auch Mitglieder der Gesellschaft Jesu (Christoph Scheiner, Athanasius Kircher) einen beachtlichen Beitrag leisteten; und nicht zuletzt ist sie religiöses Bekenntnis und Sinnbild der universalen, alle Elemente des Himmels und der Erde umfassenden Weltordnung. Quellen: München, Bayer. Hauptstaatsarchiv, GL 1489 Nr. 1 (Inventar); München, Staatl. Graph. Sammlung, Inv. 1948/19 (Entwurf für das Deckengemälde im Orbansaal). ...

Manfred Knedlik